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Prof. Dr. Alfred Minke

Neujahrsempfang 1997 IHK - AAV

Die wirtschaftliche Entwicklung des Grenzlandes Eupen-Malmedy-St. Vith vom Ende des Ancien Régime bis 1940

Wäre vor rund 200 Jahren jemand mit der damals aufkommenden Montgolfière über das heutige Ostbelgien hinweggeflogen, er hätte mit Sicherheit eine völlig andere Landschaft als die heutige entdeckt.Industriezonen hätte er vergeblich gesucht, ebenso Fichtenbestand auf dem Hohen Venn oder große Dauergrünlandflächen.

Die Besiedlung beschränkte sich noch auf die Kerne der Dörfer und Weiler; die im Vergleich zu heute nicht sehr zahlreichen Gebäuden außerhalb des Dorfberings waren keine Wohnhäuser sondern Gehöfte.
Geprägt war dieses Landschaftsbild von der harten Arbeit des Menschen, die fast ausschließlich in der Bewirtschaftung des Bodens bestand, und seit Ausgang des Mittelalters nahezu unverändert geblieben war.Lediglich nördlich des Hohen Venns, im Eupener Raum, hatte sich bereits im 17. Jh. eine Entwicklung angebahnt, die, vom Herver Land beeinflußt, das damals bei der Bodennutzung noch deutlich überwiegende Ackerland nach und nach in Wiesen umwandelte.Im Herver Land war diese Vergrünlandungsaktion in der zweiten Hälfte des 18. Jh. nahezu abgeschlossen. Hier nahmen die Wiesen mittlerweile 96% der landwirtschaftlichen Nutzfläche ein.

Im Eupener Raum lag ihr Anteil im Jahr 1787 zwischen 20,6% im Quartier Walhorn und 72% in der Herrlichkeit Lontzen. Überall hatte sich das Verhältnis mehr oder minder deutlich zugunsten des Gründlandes umgekehrt. Eine besondere Stellung nahm Eupen ein, wo das Gründland 83% der landwirtschaftlich genutzten Fläche bedeckte. Den Lebensrythmus des "Fleckens" Eupen, wie ihn die alten Urkunden bezeichnen, bestimmte seit mehr als einem Jahrhundert weitgehend die Tuchmanufaktur, eine vorindustrielle Form der Textilindustrie. Eupen war demnach keine landwirtschaftliche Gemeinde im eigentlichen Sinne.
Für den Ort selbst, wie für seine unmittelbare Umgebung, trifft die Feststellung zu, daß der Bauer zuhause mehrere Stunden täglich für die Tuchmanufaktur arbeitete und nahezu alle Arbeiter ein Stück Land bewirtschafteten, die Grenzen zwischen Bauernstand und Arbeiterschaft also fließend waren.

Auf alten Karten unübersehbar sind zudem die Waldstücke und Heideflächen. Trotz intensiver Rodungen zwischen dem 9. und dem 14. Jh., die auch ihren Niederschlag in Ortsbezeichnungen wie Nöreth, Raeren, Neudorf usw. fanden, waren 1787 noch immer rund 50% des Bodens im Eupener Land von Wald und Heide bedeckt.
Zusammenfassend kann man sagen, daß sich die Landwirtschaft im Eupener Raum Ende des 18. Jh. im Umbruch befand. Das Klima sowie die üppige natürliche Graswüchsigkeit waren Voraussetzungen und Gewähr zugleich für eine umfangreiche Rindviehhaltung und Milchwirtschaft, die die Erzeugung von Körnerfrüchten zunehmend in den Hintergrund drängte, ohne sie jedoch zur Bedeutungslosigkeit herabsinken zu lassen.
Für die Bauern des Eupener Landes waren v.a. die Stadt und das Reich Aachen ideal gelegene Absatzmärkte, die sie mit Brotgetreide, Käse und Butter versorgten. Wie bereits kurz erwähnt, war die Eupener Tuchmanufaktur im Wirtschaftsleben des gesamten Eupener Landes von vitaler Bedeutung. Zu Beginn des 18. Jh. hatte man die Tuche noch ausschließlich nach dem sogenannten Verlagssystem in Heimarbeit hergestellt. Die Kaufleute lieferten den Bauern und Heimwerkern die rohe Wolle, Farbe und andere Materialien und erhielten das gesponnene, gewebte, gewalkte und gefärbte Tuch gegen eine von ihnen selbst festgesetzte Entlohnung zum Verkauf zurück. Erst um 1750 waren sie dazu übergegangen, einzelne Arbeitsgänge, wie das Noppen, Scheren, Rauhen und Pressen in eigenen Werkstätten durchführen zu lassen.
Die übrige Arbeit gaben sie weiterhin aus.Die Produktion muß beträchtlich gewesen sein. Im Jahre 1764 ist die Rede von 340 Webstühlen, 10 Tuchwalkereien und 14 Färbermeistern; im Eupener Raum lebten etwa 5070 Personen von der Tuchmanufaktur.

Auf Qualität wurde größter Wert gelegt. Die Tuchmacher waren verpflichtet, ihren Namen in die Tuche einzuweben und seit 1707 wurde die Güte der Tuche, die in viele europäische und sogar in einige außereuropäische Gebiete exportiert wurden, durch sogenannte "Staelmeesters" geprüft.Sehr viel Geld strömte im 18. Jh. auf diese Weise nach Eupen.
Der Löwenanteil davon fiel den Kaufleuten und Fabrikanten zu. Noch heute zeugen ihre großzügigen, weiträumigen und kunstvoll gestalteten Anwesen von der wirtschaftlichen Blüte und Wohnkultur in damaliger Zeit. Die gleichen Leute saßen aber auch an den Schalthebeln der Lokalpolitik. "Der wölle Fahm" -- der Wollfaden -- regierte Eupen. Demgegenüber war die Lage der Arbeitnehmer bedrückend. Lohndiktatur, Streik- und Versammlungsverbote, fristlose Kündigungen aus nichtigen Gründen führten mehrfach zu Aufständen, die nur mit Mühe unterdrückt werden konnten.

Zwischen 1742 und 1765 erließ die Landesregierung verschiedene Gesetze, die Arbeitgebern als und Arbeitnehmern schwere Strafen androhten, falls die eingerissenen Mißstände nicht beseitigt würden.
Der Erfolg dieser Bemühungen war jedoch mäßig. Besonders anfällig reagierten die vielen am Rande des Existenzminimums lebenden Familien bei den im 18. Jh. doch recht häufigen Absatzkrisen. Nicht selten mußten dann Dutzende von Haushaltungen -- in einem Jahr sogar 200 an der Zahl -- von der Gemeinde unterstützt werden.Es wäre falsch, anzunehmen, daß es damals außer der Tuchmanufaktur keine anderen nennenswerten Gewerbezweige und Berufsstände in Eupen gegeben hätte. In der schon erwähnten Aufstellung von 1764 kamen u.a. vor: die Hanfseilfabrik des Johann Bourseaux, eine Scheidewasserfabrik, eine Papiermühle, eine Gerberei, einen Stärkefabrik und ... 25 Destilliermeister. Außerhalb des Tuchmacherzentrums Eupen verdient im 18. Jh. noch eine weitere Ortschaft im nördlichen Ostbelgien die Erwähnung als vorindustrielles Zentrum: Kelmis mit seinen Galmeigruben.Schon zu Beginn des 17. Jh. hatte die Landesregierung beschlossen, die Erzgrube Altenberg in eigener Regie zu betreiben. Dieses System wurde im 18. Jh. fast durchgehend beibehalten. Die jährliche Fördermenge schwankte zwischen 500000 und 2000000 Pfund, die Zahl der Arbeiter lag um 100 Personen. Bis gegen 1800 wurde das geförderte Erz zur Messingherstellung verwendet und in die Maasstädte Dinant und Namur sowie nach Aachen und Stolberg exportiert. Sulfiderze benutzte man ebenfalls zur Herstellung von Schwefel und Vitriol für die Tuchfärbereien.Jenseits des Hohen Venns beschränkte sich die vorindustrielle Tätigkeit im wesentlichen auf die Kleinstädte Malmedy und St. Vith. In ersterer hatte, neben der Tuchmacherei, die Gerberei seit dem 16. Jh. zunehmend an Bedeutung gewonnen. In St. Vith, wo die gleichfalls erwähnte Weberei wohl nur lokalem Bedarf diente, entwickelte sich ab 1752 gleichfalls eine "tannerey", wie es in einem diesbezüglichen notariellen Akt heißt, die aber zu keinem Zeitpunkt die Bedeutung der Malmedyer Lederfabrikation erreichte. Wie diese hatte sie ihren Absatz hauptsächlich im Innern Deutschlands.Für die weitere industrielle Entwicklung Malmedys waren darüber hinaus die um 1750 von den Benediktinermönchen begonnenen Versuche zur Papierherstellung von großer Wichtigkeit. Ende des 18. Jh. beschäftigte die Papier- und Kartonfabrikation der Abtei 15 Personen.

Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung im Eifel-Ardennen-Raum lebte allerdings seit Jahrhunderten von der Landwirtschaft. Im 18. Jh. wurde südlich des Venns hauptsächlich Getreide angebaut.
Im Frühjahr säte der Bauer Hafer, Gerste und Buchweizen aus, im Herbst kamen Spelz, Weizen und besonders der widerstandsfähige Roggen an die Reihe. Nach und nach gewann auch der Kartoffelanbau an Bedeutung. Die auf kleinen und kleinsten Höfen erwirtschafteten Erträge waren gering. In einem guten Erntejahr mit günstiger Witterung betrugen sie die drei- bis sechsfache Menge der Aussaat. Davon wurde ungefähr ein Drittel wieder als Saatgut verwandt, was den Ertrag und die Qualität der Ernte zusätzlich minderte, denn nur die besten Körner konnten als Saatgut genutzt werden. Die Bodennutzung war im allgemeinen schlecht. Die in Dorfnähe liegenden Äcker wurden 3 bis 5 Jahre lang bestellt und lagen dann, je nach Bodenbeschaffenheit, 4 bis 25 Jahre brach. Die weiter entfernten Rottländereien bebaute man sogar nur alle fünfzig Jahre. Diese langen Brachezeiten waren vor allem bedingt durch den Mangel an natürlichem Dünger, der seinerseits auf den schlechten Zustand des Viehs zurückzuführen war.Da gutes Weideland rar war, weideten die Tiere häufig auf den abgeernteten oder brachliegenden Äckern und v.a. auf den ausgedehnten Ödländereien und Heideflächen, die vielfach der Allgemeinheit gehörten und von allen genutzt werden durften. Selbst die großen Waldstücke dienten diesem Zweck. Ähnlich wie im Eupener Land nahmen auch südlich des Venns Wald und Ödland über 50% der Bodenfläche ein. Da das Vieh fast das ganze Jahr über draußen bleiben mußte, konnten kaum Heuvorräte angelegt werden. Der Viehbestand blieb daher schmächtig und anfällig für Krankheiten.
Am weitesten verbreitet war die Schafzucht. Als Beispiel seien hier die Zahlen des Hofes Amel aufgeführt, wo um 1766 6649 Schafe, aber nur 1915 Kühe, 517 Pferde und 378 Schweine gezählt wurden. Nur in wenigen Dörfern in Eifel und Ardennen konnte vor der zweiten Hälfte des 19. Jh. eine Beschäftigungsalternative zur Landwirtschaft geschaffen werden. Eines dieser Dörfer war Recht, wo wahrscheinlich schon seit dem Mittelalter Schieferstein verarbeitet wurde. Aber erst nachdem sich im 18. Jh. vier Tiroler Steinhauer in Recht niedergelassen hatten, erlangte die Schieferverarbeitung eine überörtliche Bedeutung und zog auch neue Siedler ins Dorf.Jahrhundertelang wandten die auf Selbstversorgung eingestellten Bauern in Eifel und Ardennen bei der Bestellung des Bodens die gleichen einfachen Methoden an. Ein typisches Beispiel dafür ist die Schiffelwirtschaft, eine aus der Rottbuschkultur entartete Brennkultur auf Ödland, die uralt sein dürfte und südlich des Venns noch bis an die Schwelle des 20. Jahrhunderts praktiziert wurde.

In dieses seit Jahrhunderten unveränderte und scheinbar unwandelbare Dasein der Bauern in Eifel und Ardennen brachte auch die Eroberung durch die französischen Revolutionsheere kaum Bewegung.
Lediglich die endgültige Abschaffung verhaßter Feudalrechte trug zu einer Verbesserung ihrer Lage bei. So hatte im Bereich der Fürstabtei Stavelot-Malmedy quasi bis zum Revolutionsjahr 1789 noch das Recht des "herstoux" bestanden, wonach dem Fürstabt die bewegliche Habe von unverheiratet Verstorben und von solchen Eheleuten zufiel, deren Kinder bereits versorgt waren. Die Bürger der Ortschaften Stavelot und Malmedy waren schon früh von dieser Abgabe befreit worden; die Bauern drückte und verbitterte sie hingegen bis in die letzten Jahre des Ancien Régime.Die französische Zeit von 1794 bis 1814 belebte jedoch allgemein das Gewerbe und den Handel im heutigen Ostbelgien. Die Beseitigung der territorialen Zollschranken auf dem linken Rheinufer und Napoleons Kontinentalsperre gegen England ließen insbesondere die Eupener Tuchindustrie nach 1800 in ungewöhnlichem Maße aufblühen. An dieser Hochkonjunktur nahm auch die nach der Säkularisierung der Fürstabtei Stavelot-Malmedy von Henri Steinbach angekaufte Papierfabrik durch die Lieferung von Kartons teil. Die Gerbereien von Malmedy und St. Vith erhielten zudem Aufträge für umfangreiche Militärlieferungen. Trotz der von den Franzosen verbreiteten Ideale von "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" änderte sich auch im frühindustriellen Eupen, das nun durchgehend als Stadt bezeichnet wurde, kaum etwas an den politischen und sozialen Verhältnissen. Weiterhin regierte eine Minderheit wohlhabender Bürger den Ort, da nur diejenigen, die eine bestimmte Summe Steuern bezahlten, Zugang zu den politischen Mandaten hatten. So gehörten beispielsweise 1811 von den 28 Mitgliedern des Eupener Stadtrates 7 zu den reichsten Bürgern des Ourthedepartements und weitere 7 zu den reichsten Einwohnern der Stadt. Fast die Hälfte der Gemeinderatsmitglieder waren Tuchfabrikanten.Im Jahre 1806 hielt die moderne Technik ihren Einzug in Eupen: die ersten Rauh- und Schermaschinen wurden aufgestellt. Schon ein Jahr später richtete Bernhard Scheibler die erste mechanisierte Wollspinnerei ein. Zwischen 1808 und 1810 entstanden die ersten größeren Fabrikanlagen an Weser und Hill; das Zentrum der Eupener Tuchindustrie lag jedoch weiterhin in der Oberstadt.Die Unzufriedenheit der Eupener Arbeitnehmerschaft blieb auch während der Franzosenzeit unverändert groß. Sie entlud sich 1798 in einem vierwöchigen Streik der Tuchscherer, der mit der Schaffung einer Hilfskasse für kranke und alte Arbeiter, die von den Fabrikanten und Arbeitern gemeinsam gespeist und verwaltet wurde, zu Ende ging.

Nachdem bereits 1783 in Eupen ein Kaufmannskolleg - "chambre de commerce" genannt - gegründet worden war, sozusagen als Interessenvertretung von Industrie und Handel, schuf Napoleon per Regierungserlaß am 2. April 1804 konsultative Kammern für Manufakturen, Fabriken, Künste und Gewerbe in Eupen und Malmedy. Die Tätigkeit dieser Kammern, unter Vorsitz des jeweiligen Bürgermeisters, war allerdings, im Gegensatz zu den regional wirkenden Handelskammern, örtlich begrenzt. Nichtsdestotrotz kann der 2. April 1804 als Gründungsdatum der Industrie- und Handelskammer zu Eupen angesehen werden.Nach dem Zusammenbruch des napoleonischen Imperiums legte der Wiener Kongreß die Grenzen zwischen Maas und Rhein neu fest. Vom Ourthedepartement kamen u.a. die Kantone Eupen, Malmedy und St. Vith an Preußen. Über die Galmeigrube Altenberg, die 1813 an den Brüsseler Bankier Mosselmann verpachtet worden war, konnte die Grenzkommission sich nicht einigen. Eine Entscheidung wurde verschoben und das Grubengebiet neutralisiert. Es entstand das im Kondominium von Preußen und dem Königreich der Niederlande verwaltete Neutral-Moresnet. Im Laufe des 19. Jh. wurden mehrere Grubenfelder, die schon Ende des Mittelalters in Betrieb gewesen waren, wieder eröffnet. Mosselmann bildete 1837 die Aktiengesellschaft "Vieille Montagne", die die Einrichtungen nach und nach modernisierte. Die Belegschaft stieg von 60 Arbeitern um 1800 auf 1258 im Jahre 1857. Während die jährliche Produktion 1855 ein Maximum von 134147 Tonnen erreichte, ging sie in der 2. Hälfte des 19. Jh. wegen allmählicher Erschöpfung der Gruben zurück. 1884 mußte die Grube Altenberg geschlossen werden; in den anderen Gruben kam das Aus jedoch erst nach 1918. Hatte die französische Zeit einerseits die Eupener Tuchindustrie zu ihrer höchsten Blüte überhaupt geführt, so bereitete sie andererseits auch ihren Niedergang vor. Nach Wegfall der von Napoleon verhängten Kontinentalsperre überflutete England den Kontinent mit billigen Waren. Das Eupener Tuch verlor seinen Markt. Die von Eupener Fabrikanten in Frankreich errichteten Zwischenlager mußten umgehend abgebaut werden. Die bisher zur Produktion fast ausschließlich verwendete spanische Wolle mußte durch sächsische, schlesische und preußische Wolle ersetzt werden, was die Konkurrenz erheblich verschärfte. Die Zahl der in der Tuchindustrie beschäftigten Personen fiel von 6000 im Jahre 1806 auf 3000 im Jahre 1831. Bis 1852 stieg sie allerdings wieder auf 3767 an. Besonders zwischen 1840 und 1860 gingen viele kleinere Betriebe ein.

Zum Verlust von Arbeitsplätzen trug auch die zunehmende Mechanisierung der Eupener Tuchfabrikation bei. Die von den Fabrikanten angeschafften Maschinen wurden meist durch Wasser angetrieben. Nur sehr zögernd stellte man sich auf Dampfkraft um, obwohl diese von der Witterung unabhängig war. Die veränderte Produktionsweise führte zur Konzentration aller Arbeitsvorgänge in einem Großbetrieb, der, angesichts des vorher Gesagten, vorzugsweise an wasserreicher Stelle erbaut wurde. Die Eupener Tuchindustrie verzog nach und nach in den unteren Stadtteil, wo geschlossene Fabriksysteme entstanden. Eine dieser neuen Fabriken war das 1837 noch in der Oberstadt gegründete Unternehmen des aus Hessen stammenden Wilhelm Peters. Schon 1838 ging der Firmengründer daran, nach dem Beispiel der Fabrikanten aus Verviers und Umgebung, aus gefärbter Wolle buntgemusterte Tuche herzustellen, womit Eupen abermals Weltruf erlangte. Nach 1870 fanden die Produkte der Eupener Tuchindustrie in Italien, Spanien, Amerika und China neue Märkte. Das größte Absatzgebiet war und blieb aber der deutsche Binnenmarkt, der um 1909 95% der auf rund 700 Webstühlen hergestellten Eupener Ware abnahm. Ein Jahr zuvor hatte in Eupen eine der modernsten Kammgarnspinnereien ihrer Zeit die Arbeit aufgenommen. Die Abschaffung des Verlagssystems brachte ebenfalls das Ende der Heimweberei mit sich, was sich v.a. in der Umgebung Eupens nachteilig bemerkbar machte. Einen gewissen Ausgleich brachten hier die wachsende Aufnahmefähigkeit der werdenden Großstadt Aachen für landwirtschaftliche Produkte und die steigenden Verdienstmöglichkeiten in den neuen, auf der Wurmkohle fussenden Industrien des Aachener Raumes. Aber auch in Eupen wurden neue Unternehmen eröffnet, deren bedeutendstes die 1909 aus der Firma Johann Peter Bourseaux und Söhne hervorgegangenen Kabel- und Gummiwerke werden sollten.Nach kurzer Blüte in napoleonischer Zeit ging das Malmedyer Tuchgewerbe im 19. Jh. ein. Die Lederindustrie verlor durch die Umstellung des Gerbverfahrens auf billiges Holz aus Übersee zwar nach 1880 ihre standortbedingten Vorteile, da aber die deutschen Militärbehörden weiterhin Großabnehmer des lohgegerbten Leders aus Malmedy blieben, konnte man sich im Wettbewerb mit den preisgünstigeren Gerbverfahren behaupten. Nachdem Henri Steinbach 1841 eine Langsiebmaschine angeschafft hatte und nach kurzer Zeit einer der ersten Produzenten von photographischem Papier weltweit geworden war, entwickelte sich die Malmedyer Papierindustrie zu einer der leistungsfähigsten in Deutschland. Um 1890 liefen in der Firma Steinbach 5 Papier- und 14 Streichmaschinen.

In der Landwirtschaft des Eupener Raumes vollzog sich im 19. Jh. der endgültige Übergang von der Selbstversorgung zur Überschußproduktion. Zur Befriedigung der steigenden Nachfrage der Stadt Aachen, deren Bevölkerung zwischen 1850 und 1900 von 50000 auf 135000 Personen emporschnellte, wurde der Rindviehbestand im Kreise Eupen von 1828 bis 1914 um 150% erhöht. Das Ackerland ging zwischen 1864 und 1907 von 12,5% auf 3,7% zurück.Im Gegensatz zum Eupener "Butterländchen" war die Lage der Bauern in der Eifel, dem "Preußischen Sibirien" trostlos. Noch immer hauptsächlich auf Ackerbau ausgerichtet, betrieben sie eine reine Subsistenzwirtschaft, die keinen Überschuß ermöglichte und in Krisenzeiten massive Importe von Grundnahrungsmitteln notwendig machte. Traditionsgebundes Denken, Grundstückszersplitterung, die weite Entfernung der Absatzmärkte und der bargeldlose Tauschhandel hemmten jeden Fortschritt. Die Rinderzucht blieb auf einer unterentwickelten Stufe. Bis zum Ende des 19. Jh. behielt die Schafzucht eine große Bedeutung. Wegen der mißlichen Lage der Landwirtschaft und der mangelnden Alternativen im industriellen und gewerblichen Sektor verließen zwischen 1843 und 1914 etwa 2600 Personen den Kreis Malmedy. Haupteinwanderungsgebiete waren die Industriezentren des Lütticher Raumes und die Vereinigten Staaten. Die systematische Hinwendung der Eifeler Bauern zur Milchwirtschaft fand erst mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes und der Gründung sogenannter Buttervereine statt.Nachdem die Überlandstraßen ab 1825 systematisch ausgebaut und Eupen sowie Kelmis 1863 und 1871 an das Eisenbahnnetz angeschlossen worden waren, nahmen die nach 1876 in Staatsbesitz übergegangenen Eisenbahngesellschaften in den 80er Jahren des 19. Jh. die Erschließung der Eifel in Angriff, was in diesem traditionnel strukturschwachen Raum zahlreiche neue Arbeitsplätze schuf und den Anschluß an das Aachener Absatzgebiet ermöglichte. St. Vith wurde zu einem Schienenknotenpunkt, den sämtliche Transporte zwischen dem rheinischen und dem lothringischen Industriebecken passierten. In dem Eifelstädtchen enstand eine große Reparatur- und Wartungsstätte, die an die 800 Personen beschäftigte. Zeitweise lebten im St. Vither Raum über 1000 Arbeitnehmer vom Bahnbetrieb. Die Bevölkerung St. Viths verdoppelte sich zwischen 1889 und 1914. Mit dem 1878 durch den katholischen Priester Peter Cremer in Niederemmels gegründeten "Verein kleiner Landwirte zur Herstellung von Süßrahmbutter", der sowohl auf eine Verbesserung der Qualität als auch die Sicherstellung des Absatzes abzielte, kam es zum ersten Zusammenschluß von Eifeler Landwirten überhaupt. Innerhalb von 15 Jahren schloßen sich dem sogenannten "Butterverein" 17 Filialen an, die statt des üblichen Tauschhandels die Geldzahlung praktizierten und somit eine weitere Vorbedingung zur Modernisierung der Eifeler Landwirtschaft schufen

Zur Hebung des Wohlstandes der Eifeler Landbevölkerung trugen auch mehrere staatliche Großprojekte, wie die heute nicht mehr unumstrittene Kultivierung weiter Teile des Venns und die Aufforstung der ausgedehnten Ödländereien maßgeblich bei.Die soziale Lage der Arbeiterschaft besserte sich v.a. nach der Verabschiedung der Bismarck'schen Sozialgesetze. Bis zu diesem Zeitpunkt war es z.B. in Eupen noch mehrfach, u.a. 1821 und 1848, zu Arbeiterunruhen gekommen, bei denen es sogar ein Todesopfer gegeben hatte. Zwar hatten die Eupener Fabrikanten aus eigener Initiative Maßnahmen zugunsten der Arbeiterschaft ergriffen.
Lebensmittelverteilungen, die Gründung einer Fabrikarbeiterkasse, die Verbesserung der beruflichen Ausbildung seien stellvertretend für manche andere genannt. Politisch blieben die Arbeiter, wie übrigens auch die Kleinbauern, aufgrund des Fortbestands des Klassenwahlrechts, aber machtlos.
Weitere soziale Konflikte waren somit vorprogrammiert. Es kam im Eupener Raum erstmals zu gewerkschaftlichen Zusammenschlüssen der Arbeiterschaft, was deren Forderungen zusätzlichen Nachdruck verlieh.Die aus der Franzosenzeit herrührende Handelskammer wurde zwischen 1858 und 1915 grundlegend umgestaltet. So umfaßte der Handelskammerbezirk Eupen Ende des Ersten Weltkriegs die Kreise Eupen, Malmedy mit St. Vith, Monschau und Schleiden.Der Ausgang des Ersten Weltkriegs brachte allerdings erneut tiefgreifende Veränderungen mit sich.
Neutral-Moresnet und die Kreise Eupen und Malmedy kamen an Belgien. Die Industrie- und Handelskammer nach preußischem Recht wurde 1922 in eine freie Fachvereinigung nach belgischem Muster umgewandelt, die sich 1929 dem Landesverband Belgiens anschloß, sich neue Satzungen gab und den Namen "Industrie- und Handelskammer zu Eupen umfassend die Kantone Eupen-Malmedy-St. Vith" annahm. Die hiesigen Gewerkschaften hatten sich bereits 1920 der belgischen Gewerkschaftsbewegung angeschlossen.Der Neubeginn stand insgesamt unter schwierigen Vorzeichen. Einmal mehr wurden die hiesigen Unternehmen von ihren durch die Jahrzehnte hindurch gewachsenen Absatzmärkten abgeschnitten. Da die deutsche Regierung für die Dauer von fünf Jahren die zollfreie Einfuhr von Waren aus den an Belgien abgetretenen Gebieten zugestand, hatte der staatspolitische Wechsel vorerst noch keine gravierenden Folgen. In Eupen blieben etwa 270 Webstühle in Betrieb.

Während die Malmedyer Leder- und Papierindustrie nach Ablauf dieser Übergangsfrist den Anschluß an den belgischen Markt relativ schnell schaffte, geriet die Eupener Tuchindustrie mehr und mehr unter Druck. In Deutschland, das auch jetzt noch immer wichtigstes Absatzgebiet blieb, ließ die Kaufkraft infolge der Weltwirtschaftskrise merklich nach, so daß die Ausfuhr dorthin spürbar schrumpfte. Schließlich erfolgte im Oktober 1932 eine drastische Erhöhung der deutschen Einfuhrzölle. Der Zusammenbruch der traditionsreichen Eupener Tuchmacherei war nicht mehr aufzuhalten. Im Jahre 1935 liefen in Eupen nur noch 75 Webstühle. Die weiter fortschreitende Differenzierung der Eupener Industrie konnte die durch den Niedergang des Textilsektors entstandenen Einbrüche auf dem Arbeitsmarkt nur sehr langsam füllen, zumal die Weltwirtschaftskrise Belgien nicht verschonte und sich auf das neubelgische Gebiet negativ auswirkte. Durch die neue Grenzziehung verlor auch St. Vith viel von seiner wirtschaftlichen Bedeutung. Die nunmehr zu Belgien gehörende "Vennbahn" kam für den Transport deutscher Waren und Güter kaum noch in Frage. Dennoch blieb "die Bahn" auch jetzt der wichtigste Wirtschaftsfaktor in der Eifel überhaupt.In der Eifeler Landwirtschaft ging der Prozeß des genossenschaftlichen Zusammenschlusses nach dem Ersten Weltkrieg zügig weiter. Die dem Umfang nach bedeutendste Genossenschaftsmolkerei arbeitete in Büllingen, wo 1933 eine Zentralmolkerei gegründet wurde, der 30 Rahmstationen angeschlossen waren. Drei Jahre später betrug ihre jährliche Butterproduktion 300000 Kg. Daneben waren noch zehn unabhängige Dorfgenossenschaften tätig. Nachdem die Landwirte des Eupener Landes durch die neuen politischen Verhältnisse von ihren traditionellen Absatzgebieten im Raume Aachen abgeschnitten worden waren und die Landbutter nicht mehr mit den qualitativ besseren Molkereiprodukten konkurrieren konnte, kam es 1934 zur Eröffnung einer Molkerei in Walhorn, die schon vier Jahre später zur größten Genossenschaftsmolkerei Belgiens geworden war. Beim Einmarsch der deutschen Truppen am 10. Mai 1940 bot die Wirtschaft in Eupen-Malmedy-St. Vith neben beunruhigenden Schattenseiten - insbesondere was die Eupener Textilbranche anbelangte - doch ein alles in allem positives Bild. Einer deutschen Statistik aus dem Jahre 1943 ist zu entnehmen, daß im Kreise Eupen damals rund 2100 Personen in der Textilindustrie beschäftigt waren, während die Metallindustrie mittlerweile 4963 Personen Arbeit bot. Der Anteil der Landwirte an der Kreisbevölkerung betrug, bei 19700 ha landwirtschaftlicher Nutzfläche, auf rund 2000 Betrieben 8200 Personen, das waren fast 54%. Im Kreis Malmedy nutzten etwa 5000 Landwirte 35000 ha. Die Industrie beschränkte sich im wesentlichen nach wie vor auf die Stadt Malmedy, wo die Papier- und Lederfabriken ca. 1000 Personen Arbeit gaben.

Die zum Teil erheblichen Schwierigkeiten beim Übergang von einer liberalen Wirtschaftsordnung in die Zwänge einer Kriegswirtschaft mit zahlreichen einschränkenden Verordnungen und dirigistischen Maßnahmen sollen hier nicht mehr behandelt werden. Die Jahre 1940-1944 stellen auch im wirtschaftlichen Bereich in vieler Hinsicht eine Ausnahmesituation, eine Klammer dar, die bestimmte Entwicklungen aufgriff und fortführte, viele jedoch abrupt unterbrach und umorientierte.

So wurde das Jahr 1945 für die Wirtschaft von Eupen-Malmedy-St. Vith denn auch wieder eine Stunde Null, ein Aufbruch in eine ungewisse Zukunft, eine neuerliche Herausforderung an die Kreativität, den Innovationsgeist und die Flexibilität aller am Wirtschaftsleben beteiligten Kräfte, an Tugenden also, die sie in der Vergangenheit stets bewiesen hatten, wenn es galt Krisen zu meistern, Tugenden, die heute wohl mehr denn je aktuell sein dürften.

Eupen, den 20. Dezember 1996


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