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Prof. Dr. Alfred MinkeNeujahrsempfang 1997 IHK - AAVDie wirtschaftliche Entwicklung des Grenzlandes Eupen-Malmedy-St. Vith vom Ende des Ancien Régime bis 1940Die Besiedlung beschränkte sich noch
auf die Kerne der Dörfer und Weiler; die im Vergleich zu heute nicht
sehr zahlreichen Gebäuden außerhalb des Dorfberings waren keine
Wohnhäuser sondern Gehöfte. Im Eupener Raum lag ihr Anteil im
Jahr 1787 zwischen 20,6% im Quartier Walhorn und 72% in der
Herrlichkeit Lontzen. Überall hatte sich das Verhältnis mehr oder
minder deutlich zugunsten des Gründlandes umgekehrt. Eine besondere
Stellung nahm Eupen ein, wo das Gründland 83% der landwirtschaftlich
genutzten
Fläche bedeckte. Den Lebensrythmus des "Fleckens" Eupen, wie ihn die
alten Urkunden bezeichnen, bestimmte seit mehr als einem Jahrhundert
weitgehend die Tuchmanufaktur, eine vorindustrielle Form der
Textilindustrie. Eupen war demnach keine landwirtschaftliche Gemeinde im
eigentlichen Sinne.
Auf alten Karten unübersehbar sind zudem die Waldstücke und
Heideflächen. Trotz intensiver Rodungen zwischen dem 9. und dem 14.
Jh., die auch ihren Niederschlag in Ortsbezeichnungen wie Nöreth,
Raeren, Neudorf usw. fanden, waren 1787 noch immer rund 50% des Bodens im
Eupener
Land von Wald und Heide bedeckt. Auf Qualität wurde größter Wert gelegt. Die
Tuchmacher waren verpflichtet, ihren Namen in die Tuche einzuweben und seit
1707 wurde die Güte der Tuche, die in viele europäische und sogar
in einige außereuropäische Gebiete exportiert wurden, durch
sogenannte "Staelmeesters" geprüft.Sehr viel Geld strömte im 18.
Jh. auf diese Weise nach Eupen.
Zwischen 1742 und 1765 erließ die Landesregierung verschiedene
Gesetze, die Arbeitgebern als und Arbeitnehmern schwere Strafen androhten,
falls die eingerissenen Mißstände nicht beseitigt
würden.
Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung im
Eifel-Ardennen-Raum lebte allerdings seit Jahrhunderten von der
Landwirtschaft. Im 18. Jh. wurde südlich des Venns hauptsächlich
Getreide angebaut.
In dieses seit Jahrhunderten unveränderte und scheinbar unwandelbare
Dasein der Bauern in Eifel und Ardennen brachte auch die Eroberung durch
die französischen Revolutionsheere kaum Bewegung. Nachdem bereits 1783 in Eupen ein Kaufmannskolleg - "chambre de commerce" genannt - gegründet worden war, sozusagen als Interessenvertretung von Industrie und Handel, schuf Napoleon per Regierungserlaß am 2. April 1804 konsultative Kammern für Manufakturen, Fabriken, Künste und Gewerbe in Eupen und Malmedy. Die Tätigkeit dieser Kammern, unter Vorsitz des jeweiligen Bürgermeisters, war allerdings, im Gegensatz zu den regional wirkenden Handelskammern, örtlich begrenzt. Nichtsdestotrotz kann der 2. April 1804 als Gründungsdatum der Industrie- und Handelskammer zu Eupen angesehen werden.Nach dem Zusammenbruch des napoleonischen Imperiums legte der Wiener Kongreß die Grenzen zwischen Maas und Rhein neu fest. Vom Ourthedepartement kamen u.a. die Kantone Eupen, Malmedy und St. Vith an Preußen. Über die Galmeigrube Altenberg, die 1813 an den Brüsseler Bankier Mosselmann verpachtet worden war, konnte die Grenzkommission sich nicht einigen. Eine Entscheidung wurde verschoben und das Grubengebiet neutralisiert. Es entstand das im Kondominium von Preußen und dem Königreich der Niederlande verwaltete Neutral-Moresnet. Im Laufe des 19. Jh. wurden mehrere Grubenfelder, die schon Ende des Mittelalters in Betrieb gewesen waren, wieder eröffnet. Mosselmann bildete 1837 die Aktiengesellschaft "Vieille Montagne", die die Einrichtungen nach und nach modernisierte. Die Belegschaft stieg von 60 Arbeitern um 1800 auf 1258 im Jahre 1857. Während die jährliche Produktion 1855 ein Maximum von 134147 Tonnen erreichte, ging sie in der 2. Hälfte des 19. Jh. wegen allmählicher Erschöpfung der Gruben zurück. 1884 mußte die Grube Altenberg geschlossen werden; in den anderen Gruben kam das Aus jedoch erst nach 1918. Hatte die französische Zeit einerseits die Eupener Tuchindustrie zu ihrer höchsten Blüte überhaupt geführt, so bereitete sie andererseits auch ihren Niedergang vor. Nach Wegfall der von Napoleon verhängten Kontinentalsperre überflutete England den Kontinent mit billigen Waren. Das Eupener Tuch verlor seinen Markt. Die von Eupener Fabrikanten in Frankreich errichteten Zwischenlager mußten umgehend abgebaut werden. Die bisher zur Produktion fast ausschließlich verwendete spanische Wolle mußte durch sächsische, schlesische und preußische Wolle ersetzt werden, was die Konkurrenz erheblich verschärfte. Die Zahl der in der Tuchindustrie beschäftigten Personen fiel von 6000 im Jahre 1806 auf 3000 im Jahre 1831. Bis 1852 stieg sie allerdings wieder auf 3767 an. Besonders zwischen 1840 und 1860 gingen viele kleinere Betriebe ein. Zum Verlust von Arbeitsplätzen trug auch die zunehmende Mechanisierung der Eupener Tuchfabrikation bei. Die von den Fabrikanten angeschafften Maschinen wurden meist durch Wasser angetrieben. Nur sehr zögernd stellte man sich auf Dampfkraft um, obwohl diese von der Witterung unabhängig war. Die veränderte Produktionsweise führte zur Konzentration aller Arbeitsvorgänge in einem Großbetrieb, der, angesichts des vorher Gesagten, vorzugsweise an wasserreicher Stelle erbaut wurde. Die Eupener Tuchindustrie verzog nach und nach in den unteren Stadtteil, wo geschlossene Fabriksysteme entstanden. Eine dieser neuen Fabriken war das 1837 noch in der Oberstadt gegründete Unternehmen des aus Hessen stammenden Wilhelm Peters. Schon 1838 ging der Firmengründer daran, nach dem Beispiel der Fabrikanten aus Verviers und Umgebung, aus gefärbter Wolle buntgemusterte Tuche herzustellen, womit Eupen abermals Weltruf erlangte. Nach 1870 fanden die Produkte der Eupener Tuchindustrie in Italien, Spanien, Amerika und China neue Märkte. Das größte Absatzgebiet war und blieb aber der deutsche Binnenmarkt, der um 1909 95% der auf rund 700 Webstühlen hergestellten Eupener Ware abnahm. Ein Jahr zuvor hatte in Eupen eine der modernsten Kammgarnspinnereien ihrer Zeit die Arbeit aufgenommen. Die Abschaffung des Verlagssystems brachte ebenfalls das Ende der Heimweberei mit sich, was sich v.a. in der Umgebung Eupens nachteilig bemerkbar machte. Einen gewissen Ausgleich brachten hier die wachsende Aufnahmefähigkeit der werdenden Großstadt Aachen für landwirtschaftliche Produkte und die steigenden Verdienstmöglichkeiten in den neuen, auf der Wurmkohle fussenden Industrien des Aachener Raumes. Aber auch in Eupen wurden neue Unternehmen eröffnet, deren bedeutendstes die 1909 aus der Firma Johann Peter Bourseaux und Söhne hervorgegangenen Kabel- und Gummiwerke werden sollten.Nach kurzer Blüte in napoleonischer Zeit ging das Malmedyer Tuchgewerbe im 19. Jh. ein. Die Lederindustrie verlor durch die Umstellung des Gerbverfahrens auf billiges Holz aus Übersee zwar nach 1880 ihre standortbedingten Vorteile, da aber die deutschen Militärbehörden weiterhin Großabnehmer des lohgegerbten Leders aus Malmedy blieben, konnte man sich im Wettbewerb mit den preisgünstigeren Gerbverfahren behaupten. Nachdem Henri Steinbach 1841 eine Langsiebmaschine angeschafft hatte und nach kurzer Zeit einer der ersten Produzenten von photographischem Papier weltweit geworden war, entwickelte sich die Malmedyer Papierindustrie zu einer der leistungsfähigsten in Deutschland. Um 1890 liefen in der Firma Steinbach 5 Papier- und 14 Streichmaschinen. In der Landwirtschaft des Eupener Raumes vollzog sich im 19. Jh. der endgültige Übergang von der Selbstversorgung zur Überschußproduktion. Zur Befriedigung der steigenden Nachfrage der Stadt Aachen, deren Bevölkerung zwischen 1850 und 1900 von 50000 auf 135000 Personen emporschnellte, wurde der Rindviehbestand im Kreise Eupen von 1828 bis 1914 um 150% erhöht. Das Ackerland ging zwischen 1864 und 1907 von 12,5% auf 3,7% zurück.Im Gegensatz zum Eupener "Butterländchen" war die Lage der Bauern in der Eifel, dem "Preußischen Sibirien" trostlos. Noch immer hauptsächlich auf Ackerbau ausgerichtet, betrieben sie eine reine Subsistenzwirtschaft, die keinen Überschuß ermöglichte und in Krisenzeiten massive Importe von Grundnahrungsmitteln notwendig machte. Traditionsgebundes Denken, Grundstückszersplitterung, die weite Entfernung der Absatzmärkte und der bargeldlose Tauschhandel hemmten jeden Fortschritt. Die Rinderzucht blieb auf einer unterentwickelten Stufe. Bis zum Ende des 19. Jh. behielt die Schafzucht eine große Bedeutung. Wegen der mißlichen Lage der Landwirtschaft und der mangelnden Alternativen im industriellen und gewerblichen Sektor verließen zwischen 1843 und 1914 etwa 2600 Personen den Kreis Malmedy. Haupteinwanderungsgebiete waren die Industriezentren des Lütticher Raumes und die Vereinigten Staaten. Die systematische Hinwendung der Eifeler Bauern zur Milchwirtschaft fand erst mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes und der Gründung sogenannter Buttervereine statt.Nachdem die Überlandstraßen ab 1825 systematisch ausgebaut und Eupen sowie Kelmis 1863 und 1871 an das Eisenbahnnetz angeschlossen worden waren, nahmen die nach 1876 in Staatsbesitz übergegangenen Eisenbahngesellschaften in den 80er Jahren des 19. Jh. die Erschließung der Eifel in Angriff, was in diesem traditionnel strukturschwachen Raum zahlreiche neue Arbeitsplätze schuf und den Anschluß an das Aachener Absatzgebiet ermöglichte. St. Vith wurde zu einem Schienenknotenpunkt, den sämtliche Transporte zwischen dem rheinischen und dem lothringischen Industriebecken passierten. In dem Eifelstädtchen enstand eine große Reparatur- und Wartungsstätte, die an die 800 Personen beschäftigte. Zeitweise lebten im St. Vither Raum über 1000 Arbeitnehmer vom Bahnbetrieb. Die Bevölkerung St. Viths verdoppelte sich zwischen 1889 und 1914. Mit dem 1878 durch den katholischen Priester Peter Cremer in Niederemmels gegründeten "Verein kleiner Landwirte zur Herstellung von Süßrahmbutter", der sowohl auf eine Verbesserung der Qualität als auch die Sicherstellung des Absatzes abzielte, kam es zum ersten Zusammenschluß von Eifeler Landwirten überhaupt. Innerhalb von 15 Jahren schloßen sich dem sogenannten "Butterverein" 17 Filialen an, die statt des üblichen Tauschhandels die Geldzahlung praktizierten und somit eine weitere Vorbedingung zur Modernisierung der Eifeler Landwirtschaft schufen
Zur Hebung des Wohlstandes der Eifeler Landbevölkerung trugen auch
mehrere staatliche Großprojekte, wie die heute nicht mehr
unumstrittene Kultivierung weiter Teile des Venns und die Aufforstung der
ausgedehnten Ödländereien maßgeblich bei.Die soziale Lage
der Arbeiterschaft besserte sich v.a. nach der Verabschiedung der
Bismarck'schen Sozialgesetze. Bis zu diesem Zeitpunkt war es z.B. in Eupen
noch mehrfach, u.a. 1821 und 1848, zu Arbeiterunruhen gekommen, bei denen
es sogar ein Todesopfer gegeben hatte. Zwar hatten die Eupener Fabrikanten
aus eigener Initiative Maßnahmen zugunsten der Arbeiterschaft
ergriffen. Während die Malmedyer Leder- und Papierindustrie nach Ablauf dieser Übergangsfrist den Anschluß an den belgischen Markt relativ schnell schaffte, geriet die Eupener Tuchindustrie mehr und mehr unter Druck. In Deutschland, das auch jetzt noch immer wichtigstes Absatzgebiet blieb, ließ die Kaufkraft infolge der Weltwirtschaftskrise merklich nach, so daß die Ausfuhr dorthin spürbar schrumpfte. Schließlich erfolgte im Oktober 1932 eine drastische Erhöhung der deutschen Einfuhrzölle. Der Zusammenbruch der traditionsreichen Eupener Tuchmacherei war nicht mehr aufzuhalten. Im Jahre 1935 liefen in Eupen nur noch 75 Webstühle. Die weiter fortschreitende Differenzierung der Eupener Industrie konnte die durch den Niedergang des Textilsektors entstandenen Einbrüche auf dem Arbeitsmarkt nur sehr langsam füllen, zumal die Weltwirtschaftskrise Belgien nicht verschonte und sich auf das neubelgische Gebiet negativ auswirkte. Durch die neue Grenzziehung verlor auch St. Vith viel von seiner wirtschaftlichen Bedeutung. Die nunmehr zu Belgien gehörende "Vennbahn" kam für den Transport deutscher Waren und Güter kaum noch in Frage. Dennoch blieb "die Bahn" auch jetzt der wichtigste Wirtschaftsfaktor in der Eifel überhaupt.In der Eifeler Landwirtschaft ging der Prozeß des genossenschaftlichen Zusammenschlusses nach dem Ersten Weltkrieg zügig weiter. Die dem Umfang nach bedeutendste Genossenschaftsmolkerei arbeitete in Büllingen, wo 1933 eine Zentralmolkerei gegründet wurde, der 30 Rahmstationen angeschlossen waren. Drei Jahre später betrug ihre jährliche Butterproduktion 300000 Kg. Daneben waren noch zehn unabhängige Dorfgenossenschaften tätig. Nachdem die Landwirte des Eupener Landes durch die neuen politischen Verhältnisse von ihren traditionellen Absatzgebieten im Raume Aachen abgeschnitten worden waren und die Landbutter nicht mehr mit den qualitativ besseren Molkereiprodukten konkurrieren konnte, kam es 1934 zur Eröffnung einer Molkerei in Walhorn, die schon vier Jahre später zur größten Genossenschaftsmolkerei Belgiens geworden war. Beim Einmarsch der deutschen Truppen am 10. Mai 1940 bot die Wirtschaft in Eupen-Malmedy-St. Vith neben beunruhigenden Schattenseiten - insbesondere was die Eupener Textilbranche anbelangte - doch ein alles in allem positives Bild. Einer deutschen Statistik aus dem Jahre 1943 ist zu entnehmen, daß im Kreise Eupen damals rund 2100 Personen in der Textilindustrie beschäftigt waren, während die Metallindustrie mittlerweile 4963 Personen Arbeit bot. Der Anteil der Landwirte an der Kreisbevölkerung betrug, bei 19700 ha landwirtschaftlicher Nutzfläche, auf rund 2000 Betrieben 8200 Personen, das waren fast 54%. Im Kreis Malmedy nutzten etwa 5000 Landwirte 35000 ha. Die Industrie beschränkte sich im wesentlichen nach wie vor auf die Stadt Malmedy, wo die Papier- und Lederfabriken ca. 1000 Personen Arbeit gaben. Die zum Teil erheblichen Schwierigkeiten beim Übergang von einer liberalen Wirtschaftsordnung in die Zwänge einer Kriegswirtschaft mit zahlreichen einschränkenden Verordnungen und dirigistischen Maßnahmen sollen hier nicht mehr behandelt werden. Die Jahre 1940-1944 stellen auch im wirtschaftlichen Bereich in vieler Hinsicht eine Ausnahmesituation, eine Klammer dar, die bestimmte Entwicklungen aufgriff und fortführte, viele jedoch abrupt unterbrach und umorientierte. So wurde das Jahr 1945 für die Wirtschaft von Eupen-Malmedy-St. Vith denn auch wieder eine Stunde Null, ein Aufbruch in eine ungewisse Zukunft, eine neuerliche Herausforderung an die Kreativität, den Innovationsgeist und die Flexibilität aller am Wirtschaftsleben beteiligten Kräfte, an Tugenden also, die sie in der Vergangenheit stets bewiesen hatten, wenn es galt Krisen zu meistern, Tugenden, die heute wohl mehr denn je aktuell sein dürften. Eupen, den 20. Dezember 1996
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