Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!
Wenn Sie mich fragen, was im verflossenen Jahr bei mir
einen starken Eindruck hinterlassen hat, dann fällt
mir spontan ein Bild ein. Das Bild eines kleinen afrikanischen
Jungen in einem der riesigen Flüchtlingslager
an der zaïrischen Grenze.
Ich sah dieses Bild, so zu sagen als Momentaufnahme,
in einer Fernsehreportage über das menschliche
Drama im Herzen der Dritten Welt.
Der kleine Junge - er mag sieben oder acht Jahre alt
sein - sitzt still und aufmerksam über ein Schulheft
gebeugt und übt sich im Schreiben. Um ihn herum
irren Hilfesuchende, liegen ausgehungerte Menschen,
stöhnen Verletzte und Sterbende. In der Ferne
hört man Schüsse... Und noch weiter weg,
in Europa, verhandeln seit Wochen die mächtigsten
Staaten unserer Welt, weil sie nicht wissen ob, wo,
wie und wann sie eingreifen sollen.
Die Gefühle, die diese Szene in mir auslösten,
werde ich nicht vergessen. Die Botschaft dieses Bildes
möchte ich mit ins neue Jahr nehmen: >>Die
innere Kraft des kleinen afrikanischen Jungen trotzt
aller Armut und Not. Sie gibt ihm Vertrauen und Mut.
Seine innere Kraft schirmt ihn ab vor der Hilflosigkeit
der Mächtigen. Die rastlose Unruhe der Welt bringt
ihn nicht aus dem Konzept.<<
Meine lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger!
Wie haben wir auf die Wirren unserer Zeit reagiert?
Haben wir nicht alle in den letzten Monaten erlebt,
wie auch unsere viel gepriesene Ordnung leicht durcheinander
gerät?
Müssen wir nicht eingestehen, daß all die
materiellen Errungenschaften unserer Zeit und auch
unser so lange verherrlichtes Demokratieverständnis,
unzählige Mißstände in unserer Gesellschaft
nicht verhinderten? Müssen wir nicht eingestehen,
daß wir alle im Irrgarten des Lebens leicht in
die Sackgassen von Macht und Geld, von Sucht und Gewalt,
von Fanatismus und auch Miesmacherei laufen?
Mehr denn je sehe ich in diesem Jahreswechsel 1996/97
eine Gelegenheit, in uns hinein zu schauen und dann
auch mutig nach vorne zu blicken.
Ob in Politik und Gesellschaft, zu Hause oder im Berufsleben,
in Schulen oder Familie, es ist so leicht mit dem Finger
auf Andere zu zeigen und so schwer die eigene Fassade
einzureißen und sich selbst zu sein.
Denken wir an den kleinen afrikanischen Jungen. Festigen
wir unser Selbstvertrauen. Entwickeln wir unseren eigenen
Wert. Denn jeder von uns, jeder von Ihnen hat, seinen
Wert, hat seine Qualitäten. Und wenn uns dies
gelingt, können wir auch den Wert der Anderen
erkennen und achten.
Erst dann können wir die bestehenden Mißstände
und Machtstrukturen verändern.
Erst dann können wir mithelfen, eine bessere, andere
Welt aufzubauen.
Erst dann können wir, wie der afrikanische Junge,
ohne Angst und mit Zuversicht in die Zukunft blicken.
Denn sie können wir nur gemeinsam meistern.
Denken wir daran: In unserem Boot hat jeder von uns
seinen Platz und jeder wird dort gebraucht, wo er steht.
Alle Posten sind gleich wichtig und wichtig ist, seine
Frau und seinen Mann zu stehen und unsere Kraft und
Bereitschaft, das was wir tun, auch gut zu tun.
Versuchen wir es im neuen Jahr! Das wünsche ich
uns allen.
Manfred Schunck
Präsident des Rates der
Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens
Gerne stehen wir Ihnen auch in 1997 für Anregungen,
Ideen und Fragen zur Verfügung.
Wenden Sie sich bitte vertrauensvoll an:
Präsident des Rates der Deutschsprachigen Gemeinschaft
Belgiens
Sekretariat des Präsidenten
E-Mail: mailto:haraloup@euregio.net